Suchoptionen
Startseite Medien Wissenswertes Forschung und Publikationen Statistiken Geldpolitik Der Euro Zahlungsverkehr und Märkte Karriere
Vorschläge
Sortieren nach
Christine Lagarde
The President of the European Central Bank
  • REDE

Der Energieschock: Wo wir stehen und was wir wissen müssen

Rede von Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, beim Jahresempfang des Bundesverbands deutscher Banken anlässlich seines 75-jährigen Jubiläums

Berlin, 20. April 2026

Ich freue mich sehr, heute anlässlich des 75-jährigen Jubiläums des Bundesverbands deutscher Banken hier sein zu dürfen.

Als Ihr Verband gegründet wurde, hatte Europa gerade die verheerendste Zeit der neueren Geschichte überstanden – und war im Begriff, in ein von Frieden und wirtschaftlichem Wachstum geprägtes, goldenes Zeitalter einzutreten.

Heute herrscht indes mehr Unsicherheit als je zuvor seit jenem Aufbruch, welche Richtung Europa einschlagen wird. Und diese Unsicherheit hat ihren Ursprung zum Großteil außerhalb der Europäischen Union.

Wenn Geschichtsforscher einmal auf diese Zeit zurückblicken, wird insbesondere die schiere Unbarmherzigkeit hervorstechen, von der sie geprägt war. Eine nahezu beispiellose Pandemie, danach ein Landkrieg auf unserem Kontinent, gefolgt von der schlimmsten Energiekrise der letzten 50 Jahre, und im Anschluss die dramatischsten Zollerhöhungen seit den 1930er-Jahren.

Und nun ein militärischer Konflikt, der zur Schließung des weltweit wichtigsten Nadelöhrs in Sachen Energie, der Straße von Hormus, geführt hat.

Jeder dieser Schocks hat Europa etwas entrissen, das wir für selbstverständlich gehalten hatten. Eine sichere Versorgung mit billiger Energie. Berechenbare Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten. Das Fundament unserer militärischen Sicherheit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Doch wie bemerkte Hegel einst: Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Das Verstehen setzt nach der Erfahrung ein, nicht davor. Und tatsächlich haben uns diese schmerzhaften Jahre viel gelehrt.

Einige dieser Lektionen ziehen bereits konkrete Maßnahmen nach sich. Ohne die vorangegangenen Schocks wäre der Wandel in der Verteidigungspolitik, der im vergangenen Jahr in Deutschland stattgefunden hat, undenkbar gewesen.

Andere Lehren betreffen unseren Umgang mit den Folgen großer Schocks – und diese Lehren sind unmittelbar relevant für die Situation, in der wir uns heute befinden.

Vor diesem Hintergrund möchte ich heute besonders beleuchten, wo die Wirtschaft aktuell steht, was erforderlich ist, um die geldpolitische Reaktion richtig zu kalibrieren, und wie die Finanzpolitik dazu beitragen kann, den Inflationsschock so gering wie möglich zu halten.

Die Wirtschaftslage

Das wirtschaftliche Umfeld ist weiterhin von großer Unsicherheit geprägt. Der wechselhafte Verlauf des Irankonflikts – Krieg, Waffenruhe, Friedensverhandlungen, Seeblockade, die Aufhebung der Blockade und ihre Wiedereinführung – macht es außerordentlich schwer, die Dauer und das Ausmaß möglicher Folgen abzuschätzen.

Eines ist allerdings klar: Der Zustand vor dem Konflikt wird sich nicht ohne Weiteres wiederherstellen lassen.

Im März haben wir unser Basisszenario für die wirtschaftliche Entwicklung veröffentlicht, zusammen mit einem adversen und einem schwerwiegenden Szenario, die allesamt von zunehmend höheren Energiepreisen geprägt sind. Alle drei Szenarien sehen eine höhere Inflation und niedrigeres Wachstum als in unseren Dezember-Projektionen voraus, wobei der Schaden mit der Schwere des Schocks zunimmt.

Die entscheidende Frage lautet nun: Wohin führt der Pfad, auf dem wir uns befinden?

Die Angebotsstörungen sind enorm. Selbst wenn man das Umleiten von Pipelines und die Freigabe strategischer Reserven berücksichtigt, wird der Rückgang des Ölangebots netto auf rund 13 Millionen Barrel pro Tag geschätzt. Dies entspricht etwa 13 % des weltweiten Verbrauchs. Und das ist der Stand vor der US-Blockade.

Doch bisher sind die Preise noch nicht so stark gestiegen, dass es uns direkt in unser adverses Szenario führt.

Obgleich sowohl die Kassa- als auch die Terminpreise für Öl über dem in unserem Basisszenario angenommenen Wert liegen, scheinen die Märkte davon auszugehen, dass die Störung von kurzer Dauer sein wird. Die Gaspreise in Europa liegen unter unserem Basisszenario. Darin spiegelt sich unter anderem wider, dass in Asien eine Umstellung von Gas auf Kohle stattfindet und in China relativ milde Temperaturen herrschen.

Sollte der Konflikt rasch beigelegt werden können, wird der direkte Energiepreisschock unter Umständen am unteren Ende der Erwartungen liegen – und die wirtschaftlichen Auswirkungen würden in Grenzen gehalten.

Die Aussichten bleiben freilich ungewiss, und negativere Entwicklungen sind nach wie vor möglich.

Mit jedem Tag, an dem der Konflikt anhält, wird die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage größer, und umso mehr Zeit wird eine Normalisierung in Anspruch nehmen. Und je länger die Störung andauert, desto weiter reichen ihre Folgen – nicht nur aufgrund höherer Energiekosten, sondern wegen des Verlusts kritischer Vorleistungen.

Rund ein Drittel des weltweit produzierten Heliums stammt aus der Golfregion, und sein Fehlen würde sich in der Halbleiterfertigung und im Hochtechnologie produzierenden Gewerbe bemerkbar machen. Ein ähnlich hoher Anteil des Seehandels mit Düngemitteln passiert die Straße von Hormus, was Auswirkungen auf die globalen Nahrungsmittelpreise hat. Auch knapp ein Fünftel der globalen Methanolproduktion ist betroffen, mit Folgen für die Chemie- und die Kunststoffindustrie.

Sollte die Störung eine gewisse Dauer überschreiten, verschiebt sich die Anpassung von den Preisen hin zu einer Rationierung, was ganz andere wirtschaftliche Folgen hätte. Höhere Preise wirken in erster Linie als Inflationstreiber. Engpässe treffen die Produktion direkt und sind schlechter für das Wachstum.

Insgesamt gibt es bislang kaum Anzeichen für Lieferkettenstörungen, weder weltweit noch im Euroraum. Lokale Spannungen sind jedoch feststellbar: Der Kerosinpreis hat sich seit Ausbruch des Konflikts in etwa verdoppelt, und an einzelnen Flughäfen ist Flugbenzin seit Anfang April rationiert.

Der richtige Policy-Mix

Unter diesen Umständen ist es nicht einfach, den geldpolitischen Kurs festzulegen.

Wir haben es mit einem schweren Schock zu tun – die Internationale Energieagentur spricht von der größten Angebotsstörung bei der Ölversorgung aller Zeiten. Doch die Erfahrung lehrt uns, dass die wirtschaftlichen Folgen eines Schocks nicht allein von seiner Größe abhängen.

Es gibt zwei weitere Faktoren, die sich bislang nicht eindeutig einschätzen lassen, und beide sind für die richtige geldpolitische Reaktion entscheidend.

Der erste ist die Dauer der Störung.

Die wirtschaftliche Lage lässt keinen Zweifel: Je länger der Konflikt anhält, desto mehr verschlechtern sich die Aussichten – und das nicht linear. Daher ist die zeitliche Dauer der Schlüssel, um zu beurteilen, auf welches Szenario wir uns einstellen müssen.

Im Jahr 2022 war rasch klar, dass der Schock nicht nur schwer, sondern auch dauerhaft war. Europa würde kein Gas aus Russland mehr beziehen. Wir mussten eine neue Infrastruktur für Flüssiggas aufbauen, neue Lieferanten suchen und auf dem Weltmarkt um Einfuhren konkurrieren.

Heute ist die Bandbreite möglicher Folgen weitaus größer. Am 31. März, als der Konflikt zu eskalieren schien, hätten die Ölpreise direkt in unser adverses Szenario geführt. Doch am 10. April, nach der Bekanntgabe des Waffenstillstands, befanden wir uns zwischen Basis- und adversem Szenario.

Wir beobachten, wie sich die Dinge diesmal entwickeln.

Der zweite Faktor ist das Durchwirken der Energiepreise auf die allgemeine Inflation.

Ein und derselbe Energieschock kann je nach wirtschaftlicher Ausgangslage ganz unterschiedliche Folgen haben. Die Bedingungen im Jahr 2022 – eine starke Nachfrage, globale Lieferengpässe und ein akuter Arbeitskräftemangel – führten zu einem Durchwirken auf breiter Front. Als die Energiepreise 2008 und 2011 emporschnellten, beschränkte sich der Preisauftrieb aufgrund der schwächeren Konjunktur hingegen weitgehend auf die Energiekomponente.

Heute dürfte die Inflation von zwei Kräften beeinflusst werden, die in entgegengesetzte Richtungen wirken.

Auf der einen Seite haben die privaten Haushalte und die Unternehmen gerade einen großen Inflationsschock hinter sich und könnten empfindlicher auf steigende Kosten reagieren. Die frische Erfahrung steckt ihnen noch in den Knochen. Die neuesten Umfragen haben ergeben, dass die Verkaufspreiserwartungen der Unternehmen gestiegen sind und die Haushalte bereits stärker auf die Inflation achten.

Auf der anderen Seite werden die höheren Energiepreise und die gedämpfte Stimmung der Verbraucher die Nachfrage abschwächen, insbesondere, da das Wachstum vor Beginn des Konflikts trotz einer gewissen Erholung verhalten ausfiel. Dies könnte das Ausmaß der Preissteigerungen und Lohnerhöhungen begrenzen. In den beiden jüngsten vergleichbaren Situationen – dem Golfkrieg von 1990–1991 und dem Einmarsch Russlands in die Ukraine – ließen die Angebotsschocks auf dem Ölmarkt das BIP im Euroraum im ersten Jahr durchschnittlich um etwa 0,4 % sinken.

Wie groß die relative Bedeutung dieser Kräfte diesmal ausfällt, wird sich erst zeigen, wenn die konkreten Daten zur Preisgestaltung der Unternehmen und zu den Tarifverhandlungen vorliegen.

Diese doppelte Unsicherheit – sowohl über die Dauer des Schocks und als auch über den Umfang des Durchwirkens – lässt es geboten erscheinen, weitere Informationen zu sammeln, bevor wir definitive Schlussfolgerungen für unsere Geldpolitik ziehen.

Es gibt noch einen weiteren Faktor, der das Inflationsergebnis prägen wird: die Gestaltung der Fiskalpolitik.

Bei steigenden Energiepreisen geraten die Regierungen unter starken Druck, die Belastungen für die privaten Haushalte abzufedern. Doch die Erfahrung von 2022 zeigt, dass beide Arten von Unterstützung – preis- oder einkommensbasierte Maßnahmen – mit schwierigen Zielkonflikten verbunden sind.

Preisbasierte Maßnahmen können die Inflation bremsen. Sie schwächen jedoch das Signal, dass private Haushalte und Unternehmen ihren Energieverbrauch verringern müssen.

Durch Steuererleichterungen und Preisobergrenzen konnte die Inflation 2022 auf nahezu 1 Prozentpunkt gesenkt werden. Das war insofern sinnvoll, als die Energiepreise in der Öffentlichkeit sehr präsent sind und die Inflationserwartungen stark beeinflussen.

Wenn solche Maßnahmen jedoch breit angelegt und zeitlich nicht begrenzt sind, besteht kein Anreiz für die Bevölkerung, weniger Energie zu verbrauchen. Und wenn sie schließlich aufgehoben werden, steigt die Inflation automatisch an. Während des letzten Schocks trug die Einstellung fiskalpolitischer Unterstützungsmaßnahmen dazu bei, dass die Phase mit über dem Zielwert liegenden Inflationsraten bis in die Jahre 2024 und 2025 hinein fortdauerte.

Einkommensbasierte Maßnahmen können die Bevölkerung schützen, heizen jedoch die Konjunktur zu stark an.

Fiskalpolitische Transferleistungen für private Haushalte mit geringem Einkommen sind sozial geboten und stabilisieren die Wirtschaft. Wenn die Unterstützung jedoch über alle Einkommensgruppen hinweg gewährt wird, hält sie eine Nachfrage aufrecht, auf deren Grundlage die Unternehmen höhere Kosten weitergeben können. Dies führt dazu, dass die Geldpolitik stärker gestrafft werden muss, als es andernfalls nötig wäre.

Im Jahr 2022 beliefen sich fiskalpolitischen Ausgleichsmaßnahmen für höhere Energiekosten und Inflation auf 1,7 % des BIP. Die Fiskalpolitik war also insgesamt expansiv, während zugleich die Geldpolitik gestrafft wurde, um die Nachfrage zu dämpfen.

Heute kommt eine weitere Einschränkung hinzu. In den Jahren seit der Pandemie hat sich die Erwartung verbreitet, dass der Staat private Haushalte und Unternehmen gegen jeden großen Schock abschirmt.

Doch die finanzpolitischen Spielräume haben sich seither verengt. Wenn die öffentliche Hand versucht, jeden Schock für jeden Haushalt abzufedern, droht die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen zu ihrem Schaden unterhöhlt zu werden.

Aus diesem Grund ist ein selektives Vorgehen nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig. Die Lehre aus dem Jahr 2022 ist klar: Eine Unterstützung, die vorübergehend, gezielt und unter Wahrung des Preissignals gewährt wird, kann die verwundbarsten Bevölkerungsgruppen schützen, ohne die Inflation zu verschlimmern oder die Stabilität der öffentlichen Finanzen zu schmälern.

Fazit

Lassen Sie mich nun zum Schluss kommen.

Europa steht vor einem der entscheidendsten Momente seit der Gründung dieses Verbands vor 75 Jahren. Die Welt verändert sich in schwindelerregendem Tempo. Ein Schock jagt den nächsten. Und die vertrauten Gewissheiten früherer Zeiten kehren nicht zurück.

Aber jede Krise hat auch unser Verständnis dafür geschärft, was getan werden muss.

Eingangs habe ich die Beobachtung Hegels zitiert, wonach sich die Weisheit erst nach der Erfahrung einstellt. Schließen möchte ich mit dem Rat Goethes: Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden.

Für die EZB heißt das: Wir müssen bereit sein, zu handeln, sobald wir über die notwendigen Informationen verfügen. Unsere Aufgaben und unser Kompass sind klar.

Wir sind dem Mandat der Preisstabilität verpflichtet. Wir werden sicherstellen, dass die Inflation auf mittlere Sicht auf 2 % zurückgeführt wird. Und wir werden so handeln, wie es die Situation erfordert.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

KONTAKT

Europäische Zentralbank

Generaldirektion Kommunikation

Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.

Ansprechpartner für Medienvertreter